Wie sich ein Schloss bei Manipulation selbst verriegelt
Ein schwer zu öffnendes Schloss hält einen Einbrecher auf. Manche Schlösser gehen weiter. Sie sperren sich bei einem falschen Versuch selbst zu und machen ihn dadurch sichtbar. Das eine legt dem Angreifer eine Falle. Das andere zeigt ihm nur eine Attrappe.
Was eine Falle von einer Attrappe unterscheidet
Ein Zylinderschloss lässt sich nur öffnen, wenn alle beweglichen Teile im Inneren in eine Reihe kommen. Bei einem Stiftzylinder sind das die Stifte, bei einem Scheibenzylinder die Scheiben, bei einem Hebelschloss die Hebel. Jedes dieser Teile trägt eine Kerbe oder einen Einschnitt, der bei richtiger Ausrichtung eine durchgehende Bahn für den Riegel freigibt.
Genau an dieser Kerbe setzen zwei sehr unterschiedliche Ideen an. Die erste baut eine zweite, funktionslose Kerbe daneben ein, eine Täuschung, die weiter unten als eigenes Prinzip erklärt wird.
Die zweite Idee verzichtet auf Täuschung und baut stattdessen eine Falle. Wird ein Teil zu weit oder in der falschen Reihenfolge bewegt, schnappt ein zusätzliches Bauteil zu und blockiert das ganze Schloss, nicht nur die eine Zuhaltung. Erst ein festgelegter Rückstellvorgang mit dem echten Schlüssel löst die Sperre wieder.
Die Täuschung durch False Gates kommt am Ende dazu, als eigenständiges drittes Prinzip in denselben Schlössern.
Der Chubb Detector zeigt eine falsche Bedienung sofort an
1817 wurde die Marinewerft in Portsmouth mit Nachschlüsseln bestohlen. Die britische Regierung schrieb daraufhin ein Schloss aus, das sich nur mit dem eigenen Schlüssel öffnen ließ. Die Belohnung dafür betrug 100 Guineen. Jeremiah Chubb, der mit seinem Bruder Charles als Schiffsausrüster in Portsmouth arbeitete, meldete am 3. Februar 1818 sein Detector Lock zum Patent an und gewann die Prämie.
Die Konstruktion nutzte vier Hebel. Wurde einer davon durch einen Nachschlüssel oder ein Werkzeug zu weit angehoben, fiel ein zusätzlicher Hebel, der Detektor, in eine Kerbe. Er blockierte den Riegel vollständig. Diese Sperre traf auch den eigenen, echten Schlüssel. Erst eine bestimmte Rückdrehbewegung, entgegen der normalen Öffnungsrichtung, brachte die Hebel wieder in Grundstellung. Der Besitzer merkte den Manipulationsversuch dadurch, dass sein eigener Schlüssel plötzlich nicht mehr passte.
Bis 1847 wuchs die Hebelzahl auf sechs, in mehreren Entwicklungsschritten von Jeremiah, Charles und dessen Sohn John. 1851 nahm der amerikanische Schlosser Alfred Charles Hobbs bei der Weltausstellung in London die Herausforderung an. Er öffnete das sechshebelige Chubb-Schloss. Die Firma reagierte mit einer konstruktiven Änderung, einer drehbaren Abdeckung vor dem Schlüsselloch, die den Blick auf die Hebel verstellte. Diese Kombination aus verdecktem Schlüsselloch und Detektor-Sperre blieb danach über Jahrzehnte die Grundform des Chubb-Schlosses.
Das Detektor-Prinzip blieb kein Alleinstellungsmerkmal. Der Birminghamer Hersteller Edwin Cotterill patentierte 1846 eine eigene Version mit einem radial angeordneten Sperrarm. Sie hielt 1854 einem 24 Stunden langen Angriffsversuch von Hobbs stand. Das Chubb-Schloss hatte drei Jahre zuvor schon nach 25 Minuten nachgegeben. Über ein Jahrhundert später baute der italienische Hersteller CISA, mit einer Priorität von 1970, eine eigene Detektor-Sperre in ein Hebelschloss ein. Das Prinzip, Falschbedienung selbst zur Sperre zu machen, wanderte über Länder und Jahrzehnte, unabhängig vom Firmennamen Chubb.

Abbildung: CISA SpA, GB 1.374.288 A, Fig. 1, angemeldet 1971, erteilt 1974. Zwei schwenkbare Platten blockieren bei Falschbedienung den Riegel, dieselbe Grundidee wie beim Chubb Detector.
Abloys DBS verriegelt die Scheibenkette zu einem Block
1907 bemerkte der finnische Büroangestellte Emil Henriksson in Helsinki das Prinzip der rotierenden Scheiben im Inneren einer Registrierkasse. Es ließ sich auch auf ein Schloss übertragen. 1919 ließ er die Erfindung patentieren, im selben Jahr entstand die Firma, aus der später Abloy wurde. Die amerikanische Fassung des Patents, angemeldet ebenfalls 1919, wurde erst 1924 erteilt.

Abbildung: Henrikssons Original-Patentzeichnung von 1924. Fig. 1 bis 3 zeigen den Scheibenzylinder im Querschnitt, in der Seitenansicht mit Schlüssel und Federpaket, und in der Stirnansicht.
Bei einem Scheibenzylinder dreht der Schlüssel eine Reihe einzelner Scheiben, jede um einen eigenen Winkel. Erst wenn alle Scheiben richtig stehen, fluchten ihre Kerben zu einer durchgehenden Nut. Eine Sperrleiste fällt dann hinein und gibt den Zylinder frei. Über Jahrzehnte kamen weitere Verbesserungen dazu. Ein zweiter Satz Randaussparungen erlaubte etwa einen in beide Richtungen drehbaren Schlüssel. Ein amerikanisches Konstrukteursteam meldete das 1972 für die Firma Locking Systems an.

Abbildung: Roberts, Cohn und Ward für Locking Systems, US 3.789.638, Fig. 5, erteilt 1974. Die Scheibe trägt zwei Sätze Randkerben, je einen für jede Drehrichtung des Schlüssels.
Die aktuelle Sperr-Ergänzung heißt DBS, kurz für Disc Blocking System, eine eingetragene Marke von Abloy Oy. Bei einer falschen Bedienung schieben Rückholstangen alle Scheiben gemeinsam in eine feste Position und verzahnen sie zu einem starren Paket. Keine einzelne Scheibe lässt sich dann noch drehen, unabhängig von den anderen. Erst der richtige Schlüssel löst die Verzahnung wieder. Damit landet Abloy technisch bei derselben Grundidee wie Chubb fast ein Jahrhundert zuvor. Die Sperre stoppt eine Falschbedienung, statt sie nur zu erschweren.
False Gates täuschen, ohne zu blockieren
Sowohl Abloys Scheiben als auch Chubbs Hebel tragen zusätzlich eine dritte Sicherung, die nichts mit einer Falle zu tun hat. Neben der echten Kerbe sitzt eine zweite, flachere Vertiefung, die sich beim Abtasten oder Nachbauen ähnlich anfühlt wie die richtige. Bei den Abloy-Scheiben heißen diese Vertiefungen False Gates, bei Chubbs Hebeln false notches oder Fehlkerben.
Der Unterschied zum Detektor oder zu DBS liegt in der Wirkung. Eine False Gate blockiert nichts. Wer sie für die echte Kerbe hält, merkt nur, dass sich der Riegel trotzdem nicht bewegt, und versucht es erneut. Die Täuschung kostet Zeit und Geduld. Genau das macht sie zum Gegenstück der aktiven Sperre.
Beide Prinzipien schließen sich nicht aus. Ein Abloy-Zylinder mit DBS trägt die False Gates zusätzlich auf denselben Scheiben, ein Chubb-Schloss trug die Fehlkerben zusätzlich zum Detektor-Hebel. Die Täuschung erschwert das Abtasten, die Falle stoppt den Versuch, der trotzdem durchkommt.
Warum das für die eigene Tür zählt
Detektor-Sperren und DBS stecken heute vor allem in Zylindern für einen höheren Schutzbedarf. Dazu zählen Schließanlagen für Firmen, Behörden oder Mehrfamilienhäuser mit eigenem Konzept. In einer gewöhnlichen Stuttgarter Wohnungstür sitzt dagegen ein einfacherer Stiftzylinder. Der schützt trotzdem nur so gut wie sein Einbau und sein Zustand.
Bei einem Beratungstermin schaue ich mir deshalb nicht nur den Zylinder selbst an. Ich prüfe auch, was um ihn herum sitzt, Schutzbeschlag, Schließblech, die Zarge. Eine einzelne starke Sperre im Zylinder nützt wenig, wenn der Rest der Tür offen bleibt.
Quellen
Abloy-DBS-Patentlinie
Chubb-Detector-Patentlinie und Familie
- https://patents.google.com/patent/GB1374288A/en
- https://www.gutenberg.org/files/49704/49704-h/49704-h.htm
Hersteller und Museum